1927 schuf die Neue Zürcher Zeitung ihren eigenen Buchverlag, der ab 2006 unter dem Namen NZZ Libro firmierte. Seit Mai 2018 gehört NZZ Libro zur Schwabe Verlagsgruppe AG, das 1488 gegründet wurde.

 Es ist das älteste Druck- und Verlagshaus der Welt.

europa 2030

Der Schweizer Niklaus Nuspliger, Brüsseler Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, zwingt uns, über die Demokratie in Europa nachzudenken. 

Die Europawahl 2019 ist längst geschlagen, die Probleme sind geblieben. Nuspligers reportageartige Rundreise an zehn verschiedene Schauplätze Europas will vor allem eines: unser Bewusstsein dafür schärfen, dass „nicht überall, wo Demokratie draufsteht, auch Demokratie drin ist“. Seine Auseinandersetzung mit der Gegenwart pendelt zwischen zwei fiktiven Extremen für das Jahr 2030. Die erste Dystopie offenbart ein Europa der Chauvinisten, die zweite eine EU als digitale Eurokratie.

Seine Reise beginnt in Koblenz, wo er ein Treffen europäischer Rechts-populisten unter die Lupe nimmt. Bei näherer Betrachtung zeigen sich ihm die zahlreichen Widersprüche dieser „Internationale der Nationalisten“. Ihre Kraft speist sich aus Europas Immunschwäche. In Brüssel geht der Autor der Frage nach, ob eine gesamteuropäische Demokratie trotz kultureller Unterschiede gelingen kann. Als positives Beispiel für ein sehr diverses Staatsvolk führt er Kanada an, ohne den „kanadischen Multikulturalismus“ zu verklären. Paradoxerweise wird in diesem Zusammenhang auch Indien genannt – ausgerechnet hier erliegt der Autor den gängigen Klischees.

Der Besuch des Europaparlaments in Straßburg bildet den Rahmen, um strukturelle, kulturelle und institutionelle Demokratiedefizite aufzuzeigen. Nuspliger, ein Kenner der „Feinmechanik der EU“ weiß, wie er dem Leser realpolitische Probleme näherbringen kann. Gekonnt verbindet er Fakten mit einem Blick hinter die Kulissen. Dadurch wirken seine Ausführungen nie wie sterile Analysen.

Die große „demokratische Rezession“ ist das Thema während eines Rundgangs im Brüssler Europaviertel. Der Autor verrät, wie Lobbyismus, Technokratisierung und Globalisierung demokratische Handlungsspielräume allmählich verringern. Nach einem Zwischenstopp in Budapest, Europas Zentrale der „illiberalen Demokratie“, folgen gleich zwei Kapitel über das Internet und seine gesellschaftspolitischen Auswirkungen. Für Nuspliger sind digitale Errungenschaften nicht per se bedrohlich. Wichtig ist, dass Internet-technologien zu mehr Mitbestimmung führen, anstatt Bürger zu entmündigen. Ein sehr positives Beispiel findet der Autor in Island. Die Onlineplattform „Better Reykjavik“ schafft es spielend, Wähler in kommunalpolitische Prozesse einzubeziehen. Dass es auch anders gehen kann, zeigt Nuspliger anhand von „Rousseau“, einem digitalen Albtraum der italienischen 5-Sterne-Bewegung.

Was kommunale Mitbestimmung auf Augenhöhe bedeutet, erlebt der Autor sowohl in der französischen Kleinstadt Dieppe als auch in Barcelona; es sind die ersten Gehversuche einer deliberativen Demokratie. Auf seiner letzten Station Amsterdam erfährt der Leser, warum nicht jedes Referendum automatisch ein Gewinn für die Demokratie ist. Am Ende fasst der Autor die politischen Konsequenzen seiner Beobachtungen in zehn Thesen zusammen. 

Nuspliger hat etwas geschafft, das nur wenigen gelingt: ein gut lesbares, informatives wie kurzweiliges Buch über die Demokratie zu schreiben. Eine weitere Stärke ist der konsequente Verzicht auf jeden Alarmismus, auf jede Ideologie und auf jede Moralisierung, die oft systemkritischer Literatur anhaften. Für jeden, der sich mit Fragen der (europäischen) Demokratie befassen will, ist dieses Buch geradezu eine Pflichtlektüre.

 

Foto: NZZ Libro

NZZ Libro

Zürich 2019

200 Seiten

ISBN: 978-3-03810-402-5


Ökonomische Theorien auf Rezept

Die Dozentin Karen Horn liefert mit ihrem Werk „Ökonomische Hausapotheke“ den Beweis, dass die hohe Schule der Nationalökonomie auch praktische Seiten zu bieten hat. 

 

Horns metaphorischer Titel erinnert an einen berühmten Vorgänger, der ebenfalls die Medizin im Rahmen der Nationalökonomie bemüht hatte. Es war François Quesnay, Leibarzt und Ökonom Ludwigs des XV. Sein Gesamtmodell des Wirtschaftskreislaufs von 1758 beruhte auf dessen Vorstellungen vom menschlichen Blutkreislauf. Die Autorin schöpfte ihre Inspiration jedoch von Erich Kästners Werk „Lyrische Hausapotheke“. Das kleine Kompendium will ein Nachschlagewerk für die ökonomischen Rätsel des Alltags sein. Und das ist der Publizistin und Expertin für ökonomische Ideengeschichte an der Universität Erfurt über weite Strecken sehr gut gelungen.

 

Das Buch besteht aus 50 kurzen Glossen, die ursprünglich Teil einer Kolumne der Autorin in der Neuen Zürcher Zeitung waren. Jede Glosse repräsentiert ein Konzept, wobei der historische Rahmen von der Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart reicht. Im Anschluss folgt stets eine Kurzbiografie über einen zentralen Denker der besprochenen Theorie. Die Angaben zur weiterführenden Literatur dienen als Richtschnur für eine tiefere Auseinandersetzung. Die akademische Strenge der Autorin hat jedoch eine vollständige Symbiose von Theorie und Praxis verhindert, denn beide Teile bleiben strikt getrennt. Ein kunstvolles Ineinanderfließen wie etwa bei Wilhelm Weischedels philosophischer Hintertreppe konnte so nicht entstehen. Stellenweise verfällt Horn der akademischen Fachsprache, was der ursprünglichen Intention, ein Handbuch für die Praxis sein zu wollen, widerspricht. Dass die Autorin die Kunst des feinen Witzes versteht, beweist sie beispielsweise bei John Maynard Keynes. Angesichts des technischen Fortschritts und der damit einhergehenden vermeintlichen Massenarbeitslosigkeit fragte sich dieser fast hysterisch: „Müssen wir nicht einen allgemeinen Nervenzusammenbruch erwarten?“ Auch Friedrich August von Hayek kommt nicht ungeschoren davon. Horn sieht die Umlagefinanzierung des Rentensystems durchaus kritisch, betont jedoch mit einer gewissen Süffisanz, dass man deswegen nicht gleich wie Hayek in seiner „Verfassung der Freiheit“ zu „hyperventilieren“ bräuchte. Horns Kompendium hätte viel mehr von diesem lebendigen Witz und an Ironie vertragen.

 

Die „Ökonomische Hausapotheke“ ist gut lesbar und brilliert mit einer erstaunlichen Fülle ökonomischer Betrachtungen, die von der klassischen Literatur bis hin zum Phänomen des Terrorismus und der nuklearen Abschreckung reichen. Besonders nennenswert ist, dass Horn auch zahlreiche aktuelle Forscher präsentiert, die nach wie vor tätig sind. Darunter sind bekannte Persönlichkeiten wie Paul A. David, Richard Easterlin oder Paul Collier, um nur einige zu nennen. Es ist somit kein Who is Who vergangener Größen. Auch werden einige wichtige Vertreter der Nationalökonomie genannt, die der breiteren Öffentlichkeit weniger bekannt sind, wie beispielsweise Bertil Ohlin. Dessen Promotion brachte ihm später den Nobelpreis ein – eine absolute Ausnahmeerscheinung. Eine Leistung, die an Einsteins nur 17 Seiten umfassende Dissertation heranreicht. Wer einen ersten kritischen Einstieg in die Welt der Nationalökonomie sucht und keine intellektuellen Herausforderungen scheut, wird hier einen soliden Halt finden.

Foto: NZZ Libro

NZZ Libro

Zürich 2019

320 Seiten

ISBN: 978-3-03810-404-9 


England zwischen zwei Welten

Brexit: Wahn oder Sinn? Gerald Hosp, ehemaliger Wirtschaftskorrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ in London, analysiert das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU im sozioökonomischen Kontext.  

 

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Hosp stellt das Verstehen in den Mittelpunkt seines Sachbuchs: ein Ansatz, der auf numerische Analysen verzichtet und dem Leser Sinnzusammenhänge näherbringen möchte. Der Autor behandelt das komplexe Phänomen Brexit, dessen volles Verständnis noch lange viele beschäftigen wird, geradezu dialektisch. Im ersten Kapitel schildert er, wie es eigentlich dazu kam. Ausgehend von David Camerons fataler Bloomberg-Rede, präsentiert Hosp eine ganze Bandbreite von Gründen, die zum Austritt führten: die Spätfolgen der Finanzkrise, stagnierende Reallöhne, die Flüchtlings- und Einwanderungskrise, eine Elitenskepsis, die Schattenseiten der Globalisierung, bis hin zu den glatten Lügen der Euroskeptiker. Er konstatiert: „Die Briten waren schon immer halbherzige Befürworter des europäischen Staatenbunds.“ Womit er einen anderen Aspekt geistiger Natur gegenüber all den bereits genannten, oft zitierten materiellen Ursachen ins Spiel bringt – eine Art Antithese.

 

Das zweite Kapitel widmet sich daher zwei mentalen Modellen: Globalbritannien versus Kleinbritannien. Zwischen diesen Weltanschauungen pendelt das Land seit jeher: Will England die Speerspitze des internationalen Freihandels sein oder nur eine protektionistische Abschottungspolitik betreiben? Inwieweit der EU dabei eine Rolle zukommen soll, behandelt der Autor ausführlich. Handels- und geopolitische Fragen erklärt Hosp anhand konkreter Beispiele. Das dritte und letzte Kapitel ist ein Resümee all der Widersprüche Englands im Ringen um seine Stellung in der Welt. Letzteres definiert gleichzeitig Großbritanniens Verhältnis zur EU. Hosp wagt keine Thesen für die Zukunft, doch er prophezeit: „Selbst nach dem EU-Austritt wird Brüssel für die Briten Prügelknabe und Machtzentrum bleiben. Nein, der Brexit hört nie auf.“

 

Mittlerweile füllt das Phänomen Brexit ganze Bibliotheken. Worin unterscheidet sich also dieses gut lesbare Buch von den zahlreichen anderen? Es ist vor allem der Blick eines Schweizer Journalisten, der vor Ort jahrelang seine unparteiischen Beobachtungen machen konnte. Hosp sieht die EU durchaus auch kritisch. Seine Kritik, wie zum Beispiel an Brüssels allzu starrer Haltung bei den vier Grundfreiheiten, ist immer wohlfundiert und nie unsachlich. Daher der untrügliche Blick auf die Harmonisierungs- und Zentralisierungsbemühungen der EU: „Es geht darum, den Systemwettbewerb zu unterbinden, um für sich selbst den Spielraum zu vergrößern. Dies mag legitim sein, ist aber interessengetrieben und keine Frage der höheren Moralität.“

 

Trotz seiner kritischen Einschätzung zu Londons Entscheidung, die EU zu verlassen, begeht Hosp nicht den gängigen Fehler, Englands ökonomische Zukunft in düsteren Farben zu malen. Der Autor lässt die Frage offen und schließt eine erfolgreiche Neuorientierung Großbritanniens im handelspolitischen Weltgefüge nicht aus, wenn auch unter großen Anstrengungen. Was das Buch ebenfalls auszeichnet, sind bestimmte Aspekte, die selten in den Medien kolportiert werden. Darunter erwähnt er zum Beispiel, dass ein exogener Schock wie der Brexit die dringend benötigten institutionellen Reformen im Land durchaus voranbringen könnten. Die vielen Querverweise auf namhafte Historiker und Ökonomen liefern den wissenschaftlichen Hintergrund von Hosps Ausführungen. Damit unterscheidet sich sein Buch ganz wesentlich von den allzu oft anekdotenhaften Geschichtensammlungen ehemaliger Auslandskorrespondenten.

 

Obwohl sich das Rad der Geschichte seit der Veröffentlichung weitergedreht hat, bleibt der Inhalt – mit einigen Abstrichen aus dem letzten Kapitel – davon größtenteils unberührt. Das Buch ist insbesondere für all jene geeignet, die den Brexit im Kontext der Geschichte und der Wirtschaftspolitik Großbritanniens besser verstehen wollen. Gerade darin liegt die immerwährende Aktualität dieses Werks.

Foto: NZZ Libro

NZZ Libro

Zürich 2018

184 Seiten

ISBN: 978-3-03810-362-2